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'Angekommen – we have arrived!'

ANgekommen2
Datum:
Veröffentlicht: 10.12.14
Von:
Dr. U. Roppelt

Ein besonderer Kinoabend im Wahlpflichtfach „Interkulturelle Erziehung“

Das Thema „Flüchtlinge“ beschäftigt auch die angehenden Erzieherinnen und Erzieher an der Fachakademie Bamberg. Das Thema ist für sie hoch aktuell, da es auch in Bamberg zunehmend sog. „minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“ gibt, die von den sozialpädagogischen Einrichtungen der Jugendhilfe aufgenommen werden. Um mit diesen jugendlichen Flüchtlingen angemessen umgehen zu können, wollten sich die Studierenden der Fachakademie mit dem Thema „Flucht“ näher auseinandersetzen.
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Wir kennen die Bilder. Flüchtlinge, die versuchen, in seeuntüchtigen Booten über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. Abgschleppt von der Küstenwache, stranden sie in Auffanglagern auf Lampedusa oder Sizilien. Die Menschen flüchten vor Krieg, Verfolgung und Armut.

Es sind dies Bilder in den Medien, die nicht nur informieren, sondern gleichzeitig die Furcht vor einem vermeintlichen Flüchtlingsansturm, die Angst vor Überfremdung auslösen können. Diese Ängste werden gern von politischen Stimmungsmachern aufgegriffen und führen nicht selten zu Übergriffen auf Flüchtlinge in Deutschland. So wurde in der Nacht auf den 12. Oktober 2014 ein Brandanschlag mit Molotowcocktails auf ein Flüchtlingsheim in Rostock verübt. Dieser Anschlag war nicht der einzige – bereits im Frühjahr gab es Überfälle auf Flüchtlingsheime in Köpenick und Suhl. „Pro Asyl“ zieht für das erste Halbjahr 2014 eine traurige Bilanz: Deutschlandweit gab es bereits 18 Übergriffe auf Flüchtlinge, 18 Brandanschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und 155 flüchtlingsfeindliche Demonstrationen.

Das Thema „Flüchtlinge“ beschäftigt auch die angehenden Erzieherinnen und Erzieher an der Fachakademie Bamberg. Das Thema ist für sie hoch aktuell, da es auch in Bamberg zunehmend sog. „minderjährige unbegleitete Flüchtlinge“ gibt, die von den sozialpädagogischen Einrichtungen der Jugendhilfe aufgenommen werden. Um mit diesen jugendlichen Flüchtlingen angemessen umgehen zu können, wollten sich die Studierenden der Fachakademie mit dem Thema „Flucht“ näher auseinandersetzen. Im Rahmen des WPF „Interkulturelle Erziehung“ haben wir einen besonderen Weg gewählt, um uns ein Bild von der aktuellen Flüchtlingssituation in Bamberg zu machen. - Dieses Mal findet die (Aus)Bildung der angehenden Erzieherinnen und Erzieher nicht im Klassenzimmer, sondern an einem anderen Lernort statt. Es ist das Kino. - „Kino statt Klassenzimmer“ geht natürlich nur dann, wenn der Film pädagogisch wertvoll für den Lernprozess der Studierenden ist. Und dies war am 8. Oktober der Fall, als im Rahmen der interkulturellen Wochen der Kurzfilm „Angekommen – we have arrived“ gezeigt wurde.

Gemeinsam mit in Deutschland lebenden jungen Flüchtlingen haben UNHCR (internationale Flüchtlingsschutz) und der Bundesfachverband Unbegleitete Minderjährige Flüchtlinge e.V. (BUMF) diesen schon mehrfach ausgezeichneten Kurzfilm produziert. Sie filmten Interviews, in denen sie einander für sie wichtige Fragen stellten: Wie hast Du Dich damals gefühlt, als Du in dem fremden Land Deutschland ankamst? Welche Schwierigkeiten hattest Du, Dir hier ein neues Leben aufzubauen? Was kann man tun, damit sich Flüchtlinge in Deutschland zuhause fühlen können?

Mit Bionade und Popcorn ausgestattet haben wir uns an diesem Abend einen Platz im überfüllten Saal des Lichtspiel-Kinos ergattert. Die nächsten 20 Minuten haben wir uns dann mit hinein nehmen lassen in die Bilder, Interviews, Erzählungen und Berichte der jungen Flüchtlinge im Film.

Die Bilder und Gespräche allein waren schon sehr eindrücklich - noch spannender war es natürlich, nach solch einem Film mit der Produzentin (Anna Büllesbach vom UNHCR) und mit am Filmprojekt Beteiligten zu sprechen und aufkommende Fragen los zu werden. Auf dem Podium waren zudem Vertreterinnen der Initiative "Freund statt fremd" und Mitarbeiterinnen der Asylsozialberatung von Caritas und AWO, die ihre Arbeit mit den Flüchtlingsfamilien vorstellten. Im Zentrum der Podiumdiskussion stand die aktuelle und zukünftige Flüchtlingssituation in Bamberg, das "Ankommen" und die "Willkommenskultur" in unserer Stadt.

Und was konnten wir von diesem besonderen Kinoabend für unsere pädagogische Arbeit mitnehmen? Beispielsweise

  • ein Verstehen, welche ausweglosen Situationen zur Flucht führen
  • einen Einblick in die aktuelle Situation von minderjährigen Flüchtlingen in Bamberg
  • konkrete Anregungen im Umgang mit Betroffenen
  • die Feststellung, dass „Flüchtlingsarbeit“ immer politisch ist
  • die Motivation zu mehr Engagement und Zivilcourage
  • die offene Frage, wie Jugendliche mögliche Traumata ohne muttersprachliches Therapieangebot bewätigen können
  • einen optimistischen Blick auf viele gelungene Flüchtlingsbiographien im Film
  • und die Einsicht, dass das Problem „Flucht“ an der Wurzel in den Kriesengebieten angegangen werden muss.

Am Ende des Kinoabends haben wir durch das Gespräch mit Experten und Betroffenen wohl mehr verstanden (d.h. gelernt) als es im Klassenzimmer an der FAKS möglich gewesen wäre. Und so ziehen wir gegen 22.30 Uhr zufrieden unserer Wege, im Gedächtnis das, was die Flüchtlinge auf dem Podium uns immer wieder versicherten: „Wir sind dankbar, dass wir in Sicherheit sind in Deutschland. Das ist das Wichtigste für uns, dass wir am Leben sind, dass unser Leben gerettet wurde. Und wir werden alles tun, der deutschen Gesellschaft wieder etwas zurückzugeben.“