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Auslandspraktikum oder Selbsterfahrung?

Nora Gabert1
Datum:
Veröffentlicht: 9.11.09
Von:
Nora Gabert

Zwischen atemberaubender Exotik und erschreckender Realität -<br>Erfahrungen einer Studierenden aus dem Auslandspraktikum

Fünf Wochen lang habe ich in Indien mein bisher größtes Abenteuer erlebt. In einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen zwischen drei und dreißig Jahren konnte ich die ganze Bandbreite indischen Lebens kennen lernen. Im Nachhinein weiß ich, wie sehr mich dieses Abenteuer bereichert hat.
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Wenn man abends durch die Straßen von Trivandrum, im Süden Indiens fährt, riecht die Luft nach Rauch und man kann neben jedem Haus ein kleines Feuer brennen sehen. Überall sind unheimlich viele Menschen unterwegs und die Frauen tragen wunderschöne, farbenprächtige Saris. Indien ist ein fantastisches Land. Es ist herrlich exotisch aber auch schrecklich anders.
Die Straßen sind chaotisch und alles dauert ewig, die Menschen gestikulieren so anders, dass man nicht weiß, wie das zu verstehen ist; alle starren einen an, als wäre man ein Außerirdischer. Würden Sie das wollen? Ich war mir bis zum Ende meiner Reise nicht sicher.

Ich habe es dennoch gewagt. Fünf Wochen lang habe ich in Indien mein bisher größtes Abenteuer erlebt. In einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen zwischen drei und dreißig Jahren konnte ich die ganze Bandbreite indischen Lebens kennen lernen.
Ich bin in vollkommen überfüllten Zügen unterwegs gewesen und dabei auf der Gepäckablage mitgefahren, um den aufdringlichen Indern zu entkommen. Ich habe die prachtvollen Tempelanlagen bestaunt und mich vom Duft der Räucherstäbchen berauschen lassen, von Bananenblättern die exotischsten Speisen gegessen und zauberhafte Strände gesehen.
Natürlich wurde ich auch mit grenzenloser Armut konfrontiert und mit der vollkommen anderen Rolle der Frau in der Gesellschaft.
Tagsüber hospitierte ich im integrativen Montessori Kindergarten oder der Schule des ,,Central Institute on Mental Retardation“. Die Mahlzeiten wurden im Speiseraum, gemeinsam mit den jungen Männern der Wohngruppe eingenommen und die Nächte verbrachte ich in einem kleinen einfachen Zimmer im Bürogebäude.

Die Schule arbeitet nach dem eigens von Pater Felix, dem Gründer und Leiter der Einrichtung, erarbeiteten ,,Drei C-Konzept“. Die drei C stehen für Competency, Creativity und Comprehension - also Kompetenz, Kreativität und Verständnis.
Im Kern geht es darum, dass die geistig behinderten Schüler lernen, sich mit Hilfe der Grundformen die Welt zu erschließen. In allen Gegenständen lassen sich Formen erkennen. „Nothing can exist without shapes“, sagt Pater Felix, wenn er seinen Lehramtsschülerrinnen von seinem Konzept erzählt.
Das ,,Drei C-Konzept“ soll den Schülern eine Erleichterung bei ganz alltäglichen Dingen sein. Anhand der Grundformen kann sich der Schüler beispielsweise leichter merken aus welchen elementaren Teilen ein Fahrrad besteht.
Schwerpunkt der Pädagogik sind lebenspraktische Dinge. So gibt es etwa eine Horseridingclass, eine Flowermakingclass, eine Danceclass, eine Timeconceptclass oder auch eine Cardriving Class. Pater Felix ist es wichtig, dass seine Schüler ,,a real participater of the community” sein können und so macht er sie fit für ein möglichst unabhäniges Leben. Mal gelingt es mehr, mal weniger - wie in Deutschland auch.

Das ,,Central Institute on Mental Retardation“ ist ein mutiges Projekt. Denn die traurige Wahrheit ist, dass behinderte Menschen in Indien oft versteckt, misshandelt oder sogar getötet werden, weil sie für die Familien eine so große Schande sind.
Pater Felix investiert seit Jahren Zeit und Mühe, um das Image von Menschen mit geistiger Behinderung zu verbessern und vor allem in den Köpfen der Leute zu verändern.
Im Nachhinein weiß ich, wie sehr mich dieses Abenteuer bereichert hat. Ich konnte lernen, wie gut mit der geordneten Spießigkeit der Deutschen die Dinge funktionieren. Ich kann heute mehr zu schätzen wissen, wie gut es uns geht und ich habe erlebt, wie schön es ist nach Hause zu kommen. Denn anders als in einem kurzen Urlaub habe ich in Indien nicht nur Menschen vermisst, sondern in erster Linie Geordnetes und Bekanntes. Eben einfach meine Heimat.