Er hatte viele Schutzengel

Zeitzeuge Franz Rosenbach, Überlebender des Holocaust, schilderte vor Jugendlichen der Caritas-Fachakademie für Sozialpädagogik seine schrecklichen Erlebnisse in der NS-Zeit.
Als Franz Rosenbach zu erzählen anfängt, herrscht Schweigen. Alle hören mit einer gespannten Aufmerksamkeit zu, wie sie im Klassenzimmer sonst selten vorkommt. Franz Rosenbach, 84, ist Holocaust-Überlebender. Anlässlich des 9. Novembers, des Tages der Reichspogromnacht 1938, lud die Caritas-Fachakademie für Sozialpädagogik Rosenbach für ein Zeitzeugengespräch ein.
Mit einer für sein hohes Alter erstaunlichen Präzision und deutlicher Stimme erzählt Rosenbach von seinen Leiden unter dem NS-Regime. Fast kontinuierlich 1,5 Stunden lang, strukturiert und klar wie aus einem Buch vorgelesen. Verstanden zu werden ist ihm wichtig. Er freue sich sogar, „sein trauriges Schicksal vortragen zu können“.
Rosenbach wurde 1943 während seiner Arbeit bei der Reichsbahn einfach abgeholt. „Zampacken, nicht fragen!“ Ohne irgendeinen Anhaltspunkt für die Ursachen der Verhaftung wurde er über verschiedene Polizeigefängnisse ins Konzentrationslager Auschwitz Birkenau gebracht. „Ich konnte es nicht verstehen. Aber ich wurde gezwungen, es zu verstehen.“ Rosenbach ist Sinto und gehört damit einer von den Nationalsozialisten als „Zigeuner“ verunglimpften Bevölkerungsgruppe an. Nur aus diesem Grund wurde er abtransportiert. Er sollte, wie 500 000 andere Roma und Sinti, vernichtet werden. „Die Grausamkeiten könnt ihr jungen Leute euch einfach nicht vorstellen“, gibt Rosenbach zu denken. Und tatsächlich verlassen einige Schülerinnen zeitweise den Raum. Rosenbach erzählt, wie er abgetrennte Köpfe einsammeln und in den Ofen werfen musste. „Er gab das so schockierend banal an, wie die Köpfe da lagen“, sagt Schülerin Michelle (21) später. „Es war wirklich unfassbar.“
Aber das ist nur ein Aspekt aus Rosenbachs langem, qualvollem Gang durch verschiedene Konzentrationslager. Wenn der Überlebende detailliert sogar einzelne Äußerungen der SS wiedergibt, werden seine Erlebnisse lebendig. Durch seine Sprachbilder nimmt er die Zuhörer mit auf seinen Leidensweg und lässt schmerzlich erfahrene Geschichte Revue passieren. Zum Beispiel, wenn er die Raumsituation in den Lagerblöcken schildert: die engen völlig überbelegten Baracken, die aufeinander gestapelten Betten. „Für die Notdurft gab es pro Block ein Fass, das natürlich bald überlief…“ Nur mit Holzpantoffeln an den Füßen musste er im Kanalisationsbau arbeiten, später im Steinbruch. Seine ebenfalls abtransportierte Mutter sah Rosenbach nie wieder. Insgesamt starben 21 Familienmitglieder durch den Holocaust.
Torturen im Bergwerk
Auch im Lager Mittelbau-Dora, einer weiteren Station Rosenbachs, beschäftigte die SS Menschen auf grausamste Weise. Rosenbach schlief im Bergwerk, aß kaum mehr als wässrige Suppe. Unter Tage mussten die Gefangenen Löcher bohren und Sprengungen durchführen. Die SS wollte ein unterirdisches Waffenlager einrichten. „Durch den Geröllschutt sahen wir aus wie Schneemänner. Aber die gesprengten Steine verletzten und töteten viele von uns. Ich hatte nicht einen Schutzengel, ich hatte Hunderte.“
Anfang 1945 zeichnete sich endlich die Wende ab. Die russische Armee befreite die Konzentrationslager im Osten. Weil auch der SS klar wurde, dass die noch verbleibenden Lager nicht mehr lange existieren würden, wollte sie möglichst viele Lagerinsassen „systematisch töten“. Damit es keine Zeugen gab. Im Fall von Rosenbach gelang das glücklicherweise nicht. Er wurde mit Tausenden Mitgefangenen auf einen Todesmarsch nach Oranienburg geschickt – und überlebte. Kurz vor der Ankunft konnten Kollegen den SS-Aufpasser entwaffnen. Bis dahin hatte Rosenbach nichts vom Kriegsende gewusst. „Als wir erfuhren, der Krieg ist vorbei, weinten wir wie kleine Kinder.“
Doch auch im Nachkriegsdeutschland konnte Rosenbach kein sorgenfreies Leben führen. Erst 1991 wurde er eingebürgert. Der Grund: Es gab keine offizielle Bestätigung für Rosenbachs deutsche Staatsbürgerschaft. „Auf einem Todesmarsch hat man keine Papiere dabei.“ Groteskerweise sind die Häftlingspersonalkarten aus den Konzentrationslagern der einzige Beweis dafür, dass Rosenbach Deutscher ist. Noch heute hat der 84-Jährige seine Häftlingsnummer aus Buchenwald im Unterarm tätowiert. Als er sie vorzeigt, ist es still. Die Zuhörer sind bedrückt. „Durch sein persönliches Erzählen, wird die Geschichte noch viel authentischer“, sagt Anika (21). Das sei anders als der immer selbe Lehrstoff durch alle Jahrgangsstufen hindurch.
Rosenbach selbst wünscht sich, nicht vergessen zu werden, und wendet sich mit einem ergreifenden Appell an die Zuhörer. Schließlich läge die Zukunft Deutschlands in ihren Händen: „Frei denken, frei reden, frei handeln!“ Die Schülerinnen sind sich einig: „Diese Eindrücke werden lange bleiben.“
Marcel May
Fränkischer Tag, 10. 11. 2011