Im Wald vom Wald lernen

Seminartage Waldpädagogik im Berufspraktikum
Als wir am Montagmorgen im abgelegenen Walderlebniszentrum im Schernfelder Forst in der Nähe von Eichstätt eintrafen, hofften wir, dass die Tage unsere eigene Neugier auf den Wald und das Draußensein wach kitzeln würden. Wir sahen der Zeit mit Spannung entgegen. Viel erfahren wollten wir alle, weil wir wussten, welche Anziehung diese Umgebung auf Kinder haben kann. Einige bedauerten in einer Gesprächsrunde zu Beginn, dass das natürliche Umfeld in ihren Einrichtungen leider zu wenig genutzt würde.
Sich an die eigene Nase zu fassen, war unsere erste Lernerfahrung: wie viele Baumarten können wir selbst voneinander unterscheiden? Pflanzen am Geruch erkennen? Fraßspuren finden? „Ja, gibt’s hier keine Tiere oder sind wir vielleicht auf diesem Auge blind?“ Nach anfänglichen Wahrnehmungsspielen, um den Kontakt zur Umgebung aufzubauen, begleitete uns der Förster des Walderlebniszentrums Herr Kriebel. Mit viel Geduld und bereit, ein Loch in den Bauch gefragt zu bekommen, stand er uns auf den weiträumig angelegten Waldpfaden zur Seite. Warum wir Tannenzapfen nie am Boden finden würden, dass Kraut auch springen kann, dass die Nadeln der Douglasie zitronig duften und dass vom Zwergholunderwein unbedingt abzuraten ist, haben wir am ersten Tag erfahren. Mitunter spickte er die eine oder andere Station der Wissensvermittlung mit einer persönlichen Anekdote. So erfuhren wir, wer als Letztes in die original erhaltene Wolfsgrube gefallen ist, lang nachdem der letzte Wolf des Reviers um 1750 darin sein Ende fand. Als wir an einem Eichenspross vorbeikamen, erzählte er glücklich von Einstellungsänderungen bezüglich des Artenschutzes. In seinen Lehrjahren hätte man den Eichelhäher als Nesträuber verfolgt, heute achten wir ihn als besten Waldgärtner und stellen ihn den Kindern als Waldpolizisten vor.
Nachdem wir ins Waldlabyrinth geschickt wurden, waren und nun schon zu kleinen Waldexperten heran reiften, (schließlich kannten wir nun schon Hainbuche, Rotbuch, Gemeine Buche, konnten Schwarzen Holunder vom Roten und vom Zwergholunder unterscheiden und hatten sogar auf wankendem Seil schon einen Tümpel überquert) kam die erste wahre Herausforderung. Die Gruppe amüsierte sich köstlich während die meisten Akteure sich pitschnass in einer Schlammkuhle wiederfanden. Wieder und wieder versuchten wir uns, aber sich wie Tarzan über den Tümpel zu schwingen, ist doch kein Kinderspiel. Pitschnass schlurften wir zum Hüttenplatz. Welche Wohltat war jetzt eine trockene Hose, ein gutes Essen und ein Feuer. Zu nächtlicher Stunde begaben wir uns noch einmal ins dunkle Dickicht und spielten Verstecken. Spätestens jetzt war das Kind in allen von uns erwacht.
Der zweite Tag war ein Abenteuertag. Mit den Worten Gruppengefühl, Teamgeist, Verantwortungsübernahme, Kooperation und Adrenalin-Kick ist er stichwortartig zu beschreiben. Wir begonnen eine Strickleiter empor zu klettern, die bis in die Baumkronen reichte. Nach oben blicken, dem Ziel entgegen, stand symbolisch für die Stolpersteine, die wir im Leben zu überwinden haben. Professionell ausgerüstet und fachkundig gesichert wurden wir durch einen Mitarbeiter des Walderlebniszentrums und von Frau Schnepf, wortgewaltig motiviert durch Frau Roos. Alle haben es probiert und alle sind wir hoch hinaus gekommen!
Kooperation und Teamgeist war an einer, für die gesamte Gruppe zu überwindenden 4 Meter hohen Holzwand gefragt. Daran haben wir uns ziemlich aufgerieben, belastet, gefordert, diskutiert, nach Möglichkeiten gesucht, eingelenkt, abgestimmt. Was anfangs unmöglich erschien, ist durch Überlegungen, gute Absprache und Willensstärke gelungen. Fassungslos standen wir danach vor der Wand und staunten, was in uns steckt.
Die Himmelsleiter – Nervenkitzel pur – krönte den Tag. Acht Meter hoch – wankende, an Seilen befestigte waagerechte Balken im Abstand von 1,20 m - 1,60 m. Die Aufgabe hieß, sich in Dreiergruppen nach oben zu arbeiten. Die Verantwortung für die Sicherung in den Händen der Gruppenmitglieder, das verlangte von jedem höchste Konzentration für Körper und Geist. Von Balken zu Balken nach oben gearbeitet - tatsächlich da oben gewesen zu sein, allein gekämpft, für die anderen eingetreten, ohne die Hilfe der Gruppe nie erreicht – dass das unvorstellbare doch zu schaffen sein kann, das wird bleiben als wertvolle Erinnerung dieses Seminars.
Beflügelt durch diese Erfahrung, klang der zweite waldpädagogische Tag aus. Was uns Naturerfahrung schenken kann, welche Kompetenzen für Kinder und auch für Teams hier gestärkt werden, haben wir hautnah erlebt. Mit dieser Begeisterung können wir bestimmt den ein oder anderen „Stubenhocker“ herauslocken und waldpädagogische Elemente in unsere Arbeit einbeziehen. Einige nahmen sich vor, hier her zurück zu kehren, mit Kindergruppen, mit Jugendlichen und vielleicht auch, um sich selbst wieder ganz tief im Leben zu erleben – hoch oben auf der Himmelsleiter.


