Mein Land verlassen

Zwei bewegende Lebensgeschichten im Wahlpflichtfach „Interkulturelle Erziehung“

Was würde mich dazu bringen, mein Land zu verlassen? - Auf eine Auseinandersetzung mit dieser Frage haben sich 15 Studierende des Wahlpflichtfaches „Interkulturelle Erziehung“ mit ihrer Lehrkraft Fr. Dr. Roppelt an diesem Nachmittag eingelassen. - Kultur erleben, Urlaub machen, interessanter Job, die Liebe, Karriere, Neugierde und Reiselust - All diese Aspekte wurden spontan als Antwort genannt. Alles Gründe, die die angehenden Erzieherinnen und Erzieher vielleicht mal für eine Zeitlang ins Ausland führen würden.
„Das sind alles wunderbare Gründe und ihr könnt euch glücklich schätzen, wenn euch „nur“ die Kultur, gute Jobaussichten oder die Liebe in ein anderes Land führe“, begann daraufhin Frau Melikowa. Zum Thema „Migration“ hatten wir an diesem Tag Frau Ergin und Frau Melikowa zu uns an die Fachakademie eingeladen, die uns von ihrer persönlichen Migrationsgeschichte erzählen wollten. „Mich hat auch die Liebe nach Deutschland geführt, die Liebe zu meinen Kindern“, berichtet die gebürtige Georgierin. „Denn als ich meine beiden kleinen Töchter in den Kriegswirren zwischen Russland und Georgien aufwachsen sah, um sie herum Zerstörung und Granaten, da wusste ich: Hier werden die Mädchen keine Zukunft haben, denn Kinderseelen gehen kaputt im Krieg. Und so beschlossen wir, in Georgien alles aufzugeben, nach Deutschland auszuwandern – in der Hoffnung, dort ein neues, sicheres Leben zu finden. Ich habe mich in all den Jahren als Mutter immer wieder gefragt, ob es richtig war, so zu entscheiden. Jetzt bin ich mir sicher. Dieser Schritt hat meinen Kindern eine Lebensperspektive ermöglicht, fernab von Angst und Krieg. Die Liebe einer Mutter ist ein guter Wegweiser.“
Es ist plötzlich ganz still im Raum, als Frau Melikowa ihre Geschichte erzählt. Konzentriertes Zuhören, Anteilsnahme, Nachdenklichkeit und sicher auch Dankbarkeit spiegelt sich in den Gesichtern der Studierenden wider. Dankbarkeit, dass nicht Krieg, Not und Angst Gründe sind, die eigene Heimat – Deutschland - zu verlassen.
„Bei mir war es ganz anders“, beginnt Frau Ergin vom türkischen Elternverein ihre Erzählung. „Mein Vater kam schon in den 70er Jahren als sogenannter „Gastarbeite“ nach Deutschland. Er wollte arbeiten und Geld verdienen – seiner Familie eine Perspektive geben, was damals in der Türkei für ihn -wie für so viele - schwierig war. Eigentlich wollte er seine Familie bald nachholen – aber bis wir nach Deutschland kamen, vergingen einige Jahre. Als Kind habe ich mich bei meinen Großeltern gut aufgehoben gefühlt in der Türkei. Doch was ich nicht einschätzen konnte: Die politische Situation damals in der Türkei war unberechenbar, ein nächster Militärputsch drohte.“ Als Wanderin zwischen den Welten könnte man Frau Ergin sehen. Sie pendelte immer wieder zwischen Deutschland, der Türkei und den USA – je nachdem, welche Möglichkeiten sich für die Zukunft der Familie ergaben. Wohl hat sie sich überall gefühlt und kann sich ein Leben in Deutschland genauso wie in der Türkei gut vorstellen. Ihre beiden Kinder fühlen sich in Deutschland sehr wohl und „so werden wir wohl erstmal hier bleiben“. - Mittlerweile sind wir in angeregtem Gespräch mit Frau Ergin und Frau Melikowa.
Viele Fragen sind in den Köpfen aufgetaucht und wollen beantwortet werden: Was vermissen Sie am meisten hier? Wie haben Sie so gut die Sprache gelernt? Was sagen Ihre Kinder zu diesem Schritt? Wie wurde in Kindergarten und Schule mit Ihrem kulturellen Hintergrund umgegangen? Haben Sie auch unschöne Erfahrungen in Deutschland gemacht? - Erst auf Nachfrage berichtet Frau Melikowa auch von der anderen, schwierigen Seite ihrer Einwanderung nach Deutschland, erzählt von Ungerechtigkeiten und Diskriminierung, die v.a. ihre beiden Töchter in der Schule erlebt haben. „Hätte ich als Mutter nicht massiv gekämpft, die beiden würden wohl heute kaum studieren. Doch mittlerweile fühlen die zwei jungen Frauen sich in Deutschland sehr wohl und haben sich dem Leben hier sehr angepasst. Das ist ein ständiger Balance-Akt: sich hier zu integrieren, aber die eigene Kultur und Sprache nicht zu verlieren oder zu vergessen.“
Und so legen uns die beiden Frauen sehr ans Herz, als angehende Erzieher und Erzieherinnen besonders die Kinder mit Migrationshintergrund nie aus dem Blick zu verlieren und sie bei ihrem Pendeln zwischen den Welten und Kulturen gut zu begleiten und zu unterstützen. „Verschiedene Kulturen zu erleben – das ist doch eine Bereicherung für alle! Als Erzieherinnen und Erzieher seid ihr besonders wichtig für diese Kinder! Seid euch bewusst, dass ihr eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe habt!“
Die Zeit verrinnt wie im Fluge und eigentlich viel zu schnell heißt es, sich von Frau Ergin und Frau Melikowa zu verabschieden. Am Ende des Nachmittags sind wir sehr dankbar, die beiden engagierten Frauen kennen gelernt zu haben und hineingenommen worden zu sein in die bewegenden Migrationsgeschichten. Und so ist nach dem Gespräch mit Frau Ergin und Frau Melikowa wohl allen bewusst geworden, dass es nicht „die Migranten“ gibt, sondern dass hinter jedem Mensch eine eigene Geschichte steht, die es zu entdecken, zu berücksichtigen und zu würdigen gibt.
Gerade auch in Anbetracht der aktuellen Situation um Flüchtlinge aus Krisengebieten lohnt dieser Blick auf den einzelnen Menschen, die Familie und ganz besonders auch auf die Situation der Kinder.
Frau Ergin, Frau Melikowa – wir danken Ihnen sehr für Ihre „Geschichten“, die uns alle bewegt und einen anderen, neuen Blick auf das Thema Migration ermöglicht haben.