"Reden ist Gold"
Schwerpunktwoche „Gesprächsführung“ der 2. Kurse
Rollenspiele zu Tücken, Tricks und Techniken der beruflichen Kommunikation
Am Anfang war das Schweigen. Fast fünf Minuten dauerte es, unterbrochen nur von leisen Fragen der Erzieherin und einsilbigen Antworten der Jugendlichen: Melanie (11), gespielt von Angela Korkesch, sitzt, von der Erzieherin (Christina Rauschert) abgewandt, mit verschränkten Armen und gesenktem Kopf da. In verzweifeltem Trotz versucht sie ihren Problemen ebenso wie den Blicken der Erzieherin den Rücken zuzukehren. Im Verlauf dieser fünf Minuten schafft es Christina durch einfühlsame Fragen und echte Anteilnahme, dass die Jugendliche sich ihrem Kummer, ihrer belastenden Familiensituation stellt und am Ende bereit ist zur Kontaktaufnahme mit der Erzieherin, bereit ist, sich dieser anzuvertrauen und damit einen ersten Schritt zur Bewältigung ihrer Probleme zu gehen.
Diese ergreifende Szene aus der Schlusspräsentation der Schwerpunktwoche „Kommunikation / Gesprächsführung“ zeigt, wie fundamental das Handwerkszeug Kommunikation für den ErzieherInnen-Beruf ist: Ohne eine vertrauensvolle Gesprächsbasis kann Erziehung nicht statt finden. Vom 22. bis zum 26. Oktober 2007 setzten sich die Zweitkursler der Caritas-Fachakademie für Sozialpädagogik in Bamberg mit verschiedenen Kommuni-kationstheorien, Gesprächstechniken und -formen auseinander und übten in Rollenspielen ihr kommunikatives Geschick.
Handlungssituation zeigt: Wir müssen reden.
Ausgangspunkt dieser Schwerpunktwoche war eine berufliche Handlungssituation, die Kommunikationsanlässe auf verschiedenen Ebenen bot: Es ging um die vor vier Wochen neu zugezogenen Geschwister Melanie (11) und Jakob, die in ihren Kindertageseinrichtungs-Gruppen keinen Anschluss fanden und zudem mit schulischen bzw. familiären Problemen (Arbeitslosigkeit des Vaters) belastet waren. In der Analyse sahen die Studierenden Kommunikationsbedarf innerhalb des Teams, aber auch Einzelgespräche mit Jakob und Melanie sowie mit den Eltern schienen notwendig. So entstanden im Laufe der Woche konkrete Zielformulierungen für die Familie, die ihr die Eingliederung in das Dorf bzw. in die Tageseinrichtung erleichtern sollten.
Ohne Theorie bleibt die Praxis grau.
Deswegen nahmen am Montag vier Kleingruppen verschiedene Kommunikationstheorien anhand von bereit gestellter Literatur unter die Lupe.
Dass wir in Gesprächen vier verschiedene „Botschaften“ (Sachbotschaft, Selbstoffenbarung, Beziehungsbotschaft, Appell) senden können, die ebenso unterschiedlich vom Empfänger interpretiert werden können, macht uns laut Schulz von Thun so anfällig für Missverständnisse. Wie können wir diese vier Botschaften möglichst störungsfrei und authentisch vermitteln bzw. empfangen? Welche Grundregeln der Kommunikation gibt es? Welche Störungen lassen sich daraus ableiten und was hilft uns das in konkreten Konfliktsituationen? Wie funktioniert Kommunikation innerhalb des Systems Familie und welche Schlussfolgerungen lassen sich daraus für die Handlungssituation ziehen? Am Dienstag fanden Expertengruppen in jeweils vier 60-minütigen Vorträgen Antworten auf diese Fragen.
„Einfach mal drüber reden“?
„Einfach mal drüber reden“ – wie leicht sagt sich das, wie schwer gestaltet sich das in der täglichen Beziehungsarbeit mit Kollegen, Eltern, Kindern. Konfliktgeübt und selbstsicher im beruflichen Gespräch werden – die Ziele dieser Schwerpunktwoche war hoch gesteckt. Ausgehend von unserem Fallbeispiel, übten die Studierenden in vier Stationen Rollenspiele zu den in der Zielformulierung bereits anvisierten Gesprächssituationen (Teamgespräch, Konfliktgespräch, Elterngespräch und Gespräche mit Kindern). Sie lernten dazu hilfreiche Gesprächsregeln und -grundhaltungen kennen und optimale Rahmenbedingungen. Kongruenz, Akzeptanz, Empathie – was in der Theorie so einleuchtend ist, erweist sich in der Praxissimulation oft gar nicht so leicht. Wie gut, dass die anschließenden Feedbackrunden anhand von Videoaufnahmen Gelegenheit gaben, sich kritische Situationen genau anzusehen und evtl. noch einmal nachzuspielen. Die anfängliche Scheu vor der Kamera und dem Vorspielen verlor sich schnell. Schließlich kam in diesen Kleingruppen jeder mal zum Zuge, ob als aufgebrachter Vater, (hoffentlich) souveräne(r) ErzieherIn oder quengelndes Kleinkind. War ich authentisch? Wie autoritär kam ich rüber? Wirkte ich unsicher? Im Feedback-Gespräch konnten die Studierenden selbstkritisch ihre Stärken und Schwächen ausloten.
Kreative Verschnaufpause
Reden ist nicht alles. Wo die Worte fehlen, können andere Künste weiterhelfen. Nach den gesprächsintensiven Stationenarbeiten befassten sich am Mittwochnachmittag vier Kreativgruppen mit anderen ausdrucksstarken Kommunikationsformen wie Rhythmische Kommunikation, Rhythmisches Malen, Gruppenbilder gestalten oder Pantomime und Scharade. Sich ohne Worte verständigen, allein durch Rhythmus, Bewegung, Mimik oder Bildersprache: entlastend für manch Sprachungeübten, päda-gogisch aufschlussreich auch, was wir – oft unbewusst – von uns preisgeben.
Lernziel erreicht?
Am Freitag zeigten vier Gruppen jeweils im Rollenspiel eine gelungene Teamsitzung, ein Konfliktgespräch mit Melanie, ein Tür- und Angelgespräch mit dem zunächst abweisenden Vater und ein Gespräch mit Jakob, in dem es darum ging, ihn in die Gruppe zu integrieren. Wenn man sich im Vergleich dazu die Videodokumentation der Woche ansieht, kann man den Lernfortschritt erkennen: Die Studierenden sind ihrem Ziel, kompetent, einfühlsam und selbstsicher in beruflichen Gesprächssituationen zu agieren, in dieser Schwerpunktwoche einen großen Schritt näher gekommen.