Tritt aus dem Schatten ins Licht

Theaterkritik zur Aufführung im ETA-Hoffmann Theater von Sebastian Burkard
Mit einem grandiosen Musicalstück wurden am Mittwoch (2.3.2011) die 18. Bamberger Schultheatertage im ETA-Hoffmann-Theater Bamberg eröffnet. Auf dem Programm stand die Eigenproduktion der Caritas Fachakademie für Sozialpädagogik mit dem Titel „Nachtschatten“.
Alles, was die vierzehnjährige Emma interessiert, ist ihre große Liebe Anton. Am Frühstückstisch wird das Publikum über die familiären Verhältnisse von Emma informiert. Während Emma (Johanna Leisgang) mit ihrer Mutter (Carolin Simeth) relativ gut klarkommt, hat sie immer wieder mit spöttischen Bemerkungen ihres Vaters (Sascha Popp) zu kämpfen.
Emmas Onkel Georg, der eigentlich gar nicht ihr Onkel ist, sondern nur so genannt wird, spielt im Verlauf des Stücks eine tragende Rolle. Zunächst erfährt man in einem sehr amüsanten und unterhaltsamen Duett von Emmas Vater und Georg (Randolf Walther), wie ihre Blutsbrüderschaft zustande kam und warum man doch immer wieder ein „Prost auf die Freundschaft“ geben sollte. Bestimmt hat sich manch einer im Publikum an dieser Stelle in den Sängern wiedergefunden.
Ein Schmunzeln ins Gesicht der Zuschauer zauberte Emmas Freund Anton (Gerrit Lepper). Seine schüchterne und zurückhaltende Art spiegelte das Verhalten vieler Jugendlichen wieder, die ihre große Liebe gefunden haben. Diese ungewohnte Situation für junge Menschen während der pubertierenden Phase wurde von Lepper und der Protagonisten Leisgang auf eine sehr authentische Art und Weise dargestellt.
Doch dann der große Schock: Emma wird gekränkt. Zur Verdeutlichung dieser Tatsache, ist es nicht nur eine Person, sondern sind es mehrere Personen, die die Figur „Emma“ darstellen. So spielen Linda Vogelstetter, Annika Schulze, Lena Westhäuser und Sonja Christel sehr gefühlvoll und ausdrucksstark, wie Emma von Georg – dem vermeintlich besten Freund von Emmas Vater – sexuell missbraucht wird.
Die personifizierten Sorgen und Probleme der jungen Emma (Lisa Kempf, Karina Einwich, Lisa Gräf, Helena Höfer, Ann-Kathrin Brendel, Vera Schwankl und Kathrin Rehorz) machen ihr klar, dass sie nur deswegen existierten, weil Emma sich nicht dagegen währt und sie von Ängsten gequält wird. Die Qualen wurden vor allem durch beeindruckende Choreographien und Spielweisen der Darstellerinnen deutlich.
Nach dieser Geschichte ist Emma ganz verschlossen. Nicht einmal mehr die Mutter kommt an ihre Tochter heran, wie in einem souverän gesungenen Solo der Mutter zu erfahren ist. Schließlich gelingt es der Mutter, dass ihre Tochter die ganze Wahrheit erzählt. Nach einem sehr traurigen und zugleich gefühlvollgesungen Solo der Jugendlichen, reicht die Mutter ihr die Hand. Während die Mutter deutlich einsichtig reagiert, verschließt sich der Vater vor seiner Tochter, da er nicht glauben kann und auch nicht glauben will, dass sein bester Freund zu solch einer Tat in der Lage ist.
Schließlich spitzt sich die Lage zu, nachdem die „Hyänen“ (Ylenia Mück, Stefanie Kißelbach, Theresa Rübesam und Karina Klemenz) auch noch in ihrer aufwirbelnden und bestimmenden Art dafür sorgen, dass sich Anton von Emma abwendet und aufzeigen, dass auch Georgs Frau (Michaela Bruckner) mit Sorgen zu kämpfen hat.
Der Vater traut sich nicht mit seiner Tochter zu reden, weil er Angst hat, „dass ein Teil seines Lebens eine Lüge war“. Doch auch Emma hat Angst: vor ihrem weiteren Leben, das in Stücken vor ihr liegt. Letztlich raffen sich beide auf und reden über ihre Ängste.
Mit einem fulminanten Abschlusslied wird das Thema des Stückes nochmal aufgegriffen und der Apell, das Schweigen zu brechen und seinen Kummer zu teilen, an das Publikum weitergegeben.
Die Darsteller unter Regie von Jutta Hamprecht-Göppner und musikalischer Leitung von Tobias Wenkemann durften zurecht am Ende mit stehende Ovationen empfangen werden. Die Produktion beeindruckte vor allem aufgrund des Mottos „Weniger ist mehr“. So genügten den Schauspielern eine geringe Anzahl von Kartons, um ein Bühnenbild zu erstellen und auch einfache und eingängige Melodien, um Gefühle deutlich auszudrücken. Nach der Vorstellung wurde dies durch viele positive Zuschauerstimmen bestätigt. Der Applaus war ein deutliches Zeichen des Lobes und der Anerkennung für 21 Laiendarsteller, die das Thema des sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen und die damit verbundenen Emotionen der Opfer und im Umkreis des Täters/Opfers auf hervorragende Weise in Szene gesetzt haben.
Sebastian Burkard