Von Beruf: Erzieher

Ein Interview von Britta Ruder im Familienmagazin "Bambolino"
Erzieher? Kann man davon überhaupt leben? Wie wir aus den Medien wissen, ist Erzieher sicherlich nicht der lockerste Job – und meistens machen den nur Frauen. Meistens – aber manchmal auch Jungs. So wie Julian, 17 Jahre, Jahrespraktikant im St. Stephan-Kindergarten in Bamberg, der mit leuchtenden Augen und Begeisterung von seiner Arbeit erzählt.
Es ist kurz nach 15 Uhr. Ein Kindergartentag liegt hinter Dir. Was war heute besonders schön – was besonders anstrengend?
Einer der 2-Jährigen hat mich heute beim Frühstück ganz lieb angelächelt und super-schön gegessen. Das war wirklich klasse! Etwas anstrengender war es schon mit einem Kind nach dem Mittagschlaf. Da habe ich zwanzig Minuten gebraucht, bis es aufstehen wollte. Aber das ging dann auch ganz gut. Mir fällt das Aufstehen ja auch schwer.
Wie sieht denn Dein typischer Arbeitstag aus?
Ich bin hauptsächlich für die ganz Kleinen zuständig. Da hat man mit dem Wickeln ganz schön was zu tun. Aber das macht mir auch Spaß, da man mit den Kindern dabei auch mal einzeln Quatsch machen kann. Wenn ich früh komme, beginnt die Gruppe mit Freispiel. Danach ist Sitzkreis, bei dem ich entweder assistiere oder mir auch jetzt schon mal selbst etwas überlegen kann. Es folgt das Mittagessen. Wenn das beendet ist, muss ich darauf achten, dass jedes Kind sich wäscht und die Zähne putzt. Dann gehe ich in die Pause. Der Tag geht mit dem Wecken der Kinder, der Vorschulgruppe und Freispiel weiter. 40 Stunden umfasst meine Arbeitswoche.
War es schwer eine Praktikantenstelle zu bekommen – oder sind Jungs so gefragt, dass sie mit Handkuss genommen werden?
Als Junge hat man es leichter. Absagen habe ich bisher nur bekommen, wenn die Stelle schon vergeben war. Man ist schon gefragt. Grundsätzlich gibt es aber genug Praktikantenstellen. Meinen zweiten Praktikantenjob ab September habe ich auch schon fest – da werde ich dann für ein Jahr im Hort arbeiten.
Kannst Du kurz erklären, wie die Ausbildung zum Erzieher abläuft?
Nach der Mittleren Reife kann man sich an der Fachakademie für Sozialpädagogik (www.fachakademie-bamberg.de) bewerben. In den ersten zwei Jahren macht man Praktika (Sozialpädagogisches Seminar 1 & 2). Während dieser Zeit finden auch Seminartage in der Schule statt. Danach legt man die Prüfung zum Kinderpfleger ab. Hat man die bestanden, folgen zwei Jahre Fachakademie mit einem einwöchigen Praktikum. Diese schließt man mit der Prüfung zum Erzieher ab und rundet die 5-jährige Ausbildung mit einem einjährigen Berufspraktikum ab.
Was meinst Du, sind Deine persönlichen Qualifikationen für diesen Job?
Ich mag einfach Kinder sehr! Bereits in der Grundschule wollte ich Erzieher werden. Nach der Mittleren Reife hatte ich keine Motivation mehr für die FOS. Meine Eltern waren von der Alternative der Fachakademie auch begeistert und haben mich unterstützt. Viele rümpfen die Nase, wenn sie das Wort „Wickeln“ hören – aber selbst das macht mir Spaß.
Gerade laufen Streiks für bessere Arbeitsbedingungen und für eine leistungsgerechte Bezahlung von Erzieherinnen. Meinst du, dass es mehr Männer in diesen Job gäbe, wäre er besser bezahlt?
Ja – auf jeden Fall. In diesem Fall würde ich auch gerne „nur“ als Erzieher arbeiten. Aber mit dem Gehalt kann ich später keine Familie ernähren. In jedem Fall ist es für diese lange Ausbildung und die Verantwortung keine angemessene Vergütung. Mein Fernziel wird also Grundschullehrer sein – auf jeden Fall ein Job mit kleinen Kindern.
Bis Ende der Grundschulzeit, also bis zum 10. Lebensjahr werden Kinder hauptsächlich von Frauen betreut. Wie haben die Kinder hier auf Dich reagiert?
Im ersten halben Jahr hatte ich hauptsächlich mit den ganz Kleinen und den Jungs jeder Altersklasse zu tun. Für die größeren Mädchen war ich eher uninteressant. Inzwischen sehen mich auch die älteren Mädchen als Ansprechpartner. Bei den Jungs bin ich vor allem als Fußballpartner gefragt. Überhaupt machen denen Wettkampf-Spiele mehr Spaß. Da mach ich gerne mit und bin dann eher großer Spielgefährte als pädagogische Fachkraft.
Dein Traum vom Erzieher-Job sieht wie aus?
Relativ wenige Kinder und offene Gruppen, da ich es schön finde, wenn jeder mit jedem Kontakt hat. Eine große Freispielfläche ist wichtig – ebenso eine große Turnhalle. Schön wäre auch ein Raum nur mit Büchern. Und der Verwaltungsaufwand müsste geringer sein.
BOING! bedankt sich ganz herzlich für das Interview!